Atomare Renaissance? Bloß nicht!
Richard am 17. Februar 2010 um 13:36Es ist kaum zu glauben, aber leider wahr: Präsident Obama will einen Ausbau der Kernkraftwerke (KKWs) in den USA um mehr Unabhängigkeit vom Öl zu erreichen, Arbeitsplätze zu schaffen und “klimafreundlich” Energie zu gewinnen. Dieser Schuss wird nach hinten los gehen und entblößt eine äußert traurige geschichtliche Tatsache: aus Tschernobyl wurde nichts gelernt!
Mit 104 in Betrieb befindlichen Reaktoren, sind die USA der größte Atomstromproduzent der Welt. Der KKW-Bauboom in den Sechzigern und Siebzigern fand mit dem Unfall in der Anlage auf Three Mile Island/Harrisburg im Jahre 1979 ein aprupptes Ende. Die Atomenergiegegner_innenschaft in Österreich formierte sich bereits 1978 und verhinderte im Zuge einer Volksabstimmung (mit knapper Mehrheit) die Inbetriebnahme des bereits fertiggestellten Kraftwerks Zwentendorf in Tulln.
Argument: Atomenergie ist doch günstig. Stimmt nicht!
Ende der siebziger hat die Rockefeller Foundation einen Bericht heraugegeben, der sich mit der kommerziellen Nutzung von Kernspaltung und den daraus entstehenden Risiken befasst. Hierin wurde festgestellt, dass Energiegewinnung aus Atomkraft längerfristig äußerst kostenintensiv ist. So war/ist der Bau von Reaktoren und Kraftwerksanalagen relativ günstig, doch die Inbetriebhaltung, Aufrüstung der Sicherheitsvorkehrungen, Materialerhaltung und die vorangehende Urananreicherung, sowie die Endlagerung des anfallenden Atommülls sind rein rechnerisch ein Milliardengrab. Dies war auch einer der Gründe, warum in den USA bisher keine neuen Reaktoren gebaut wurden.
Argument: Kernspaltung ist eine Energiequelle mit Zukunftspotenzial. Stimmt auch nicht!
Uran ist einer der seltensten Stoffe auf unserem Planeten. Ausgehend von den heute vorhandenen Ressourcen und unter Einberechnung der in Betrieb befindlichen und geplanten Neubauten an Reaktoren, wird der Vorrat an, in der Natur vorkommenden und abbaubaren Uran in etwa 70 Jahren erschöpft sein. Der Abbau an sich stellt eine hohe Belastung für die betroffenen Bergbauregionen und die dort lebenden Menschen dar. Die Herstellung von spaltbarem Uran-235 bedarf eines kostenintensiven und nicht ungefährlichen Anreicherungsverfahrens.
Argument: Atomkraft ist eine saubere Energiequelle, da sie klimaschonend ist. Und auch das stimmt nicht!
Das Problem der sicheren Endlagerung von hochradioaktivem Müll, der im Zuge des Kernspaltungsverfahrens eben anfällt, ist bis heute nicht geklärt. Die Idee tiefe Stollen in Berge und Höhlen zu treiben ist dabei keine Alternative - nachweislich stellen die jetzigen Deponien eine Gefährdung für das Grundwasser dar und sind teilweise in einem schlechten Zustand und auch nicht erdbebensicher. Und nur weil viele Staaten Europas der Russischen Föderation Millionenberäge für die Abnahme des Atommülls zahlen, hat sich das Problem nicht erledigt - es strahlt die nächsten jahrtausende weiter und bereits jetzt gibt es in Russland Gebiete, die nicht mehr bewohnbar sind bzw. eigentlich nicht mehr bewohnt werden sollten. Das Argument der Klimafreundlichkeit zählt hier insofern nicht, als dass es sich im Falle der Debatte um Atomenergie um eine Augenauswischerein von Lobbyist_innen handelt: Es wird quasi ein Klimaschutzzertifikat gegen eine Aktie einer/eines KKW-Betreitreiber_in getauscht. Wenn die Menschen an Leukämie und den buntesten Variationen von Krebs krepieren, wird der Klimawandel nicht mehr unsere größte Sorge sein!
Warum haben wir nichts aus Tschernobyl gelernt? Für die UdSSR war der Ausbau der Atomenergie eine ultima ratio. Einerseits sollte der Energiehunger der Industrie befriedigt werden, andererseits wurde versucht im technologisch-ideologischen Wettrüsten den Anschluss an den Westen zu erreichen - koste es, was es wolle. Der Preis war die Katastrophe von Tschernobyl. Wenn die USA nun den Ausbau der Atomenergie, die einigen Wirtschafter_innen satte Renditen verspricht, zu ihrer ultima ratio im Kampf gegen den Klimawandel machen, so bewegt sich Obama historisch gesehen auf einem Hexenkessel. Denn die Probleme, die aus dem Einsatz von Kernspaltung resultieren, sind kurz- und mittelfristig zu erahnen, längerfristig jedoch unvorstellbar. Mit der Mentalität schnelle Gewinne bei gleichzeitiger Reduktion der Kosten zu erreichen, werden in aller Welt alte KKWs betrieben, die ihre Dienstzeit schon lange überschritten haben und sicherheitstechnischen Risiken darstellen. Interessanter Weise leben die Atomlobbyist_innen selber nicht in der Umgebung von Kraftwerksanlagen - warum wohl?
