1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft?
Richard am 7. Februar 2010 um 00:23Habe es heute in die Ausstellung im Museumsquartier geschafft, die noch bis morgen läuft. Wer bisher keine Zeit hatte, sollte unbedingt hingehen, sofern sie_er das noch nicht getan hat.
Eine Reihe von künsterlischen Installationen begleitet die_den Besucher_in durch die Ära des Umbruchs und dem Ende des bipolaren Weltbildes. Die Entwicklung in den realsozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas verlief teilweise ähnlich, aber auch konträr. Während beispielsweise in der DDR die Wende mit dem Fall der Berliner Mauer hereinbrach, kam es in Rumänien zu blutigen Auseinandersetzungen, die in der Hinrichtung von Diktator Ceausescu und seiner Gattin gipfelten.
In performativer Auseinandersetzung über die Gestaltungskomponente “Raum” wird versucht Geschichte nicht rein über Fakten begreifbar zu machen, sondern über Elemente des (Wieder-)Erkennens und der sinnlichen Wahrnehmung von Gegenständen und Bildern. Im Umgang mit Filmmedien und Strukturierung der Thematik zeigt sich die verschwimmende Grenze von Dokumentation und Fiktion, worin sich zeigt, dass Geschichte in Gedächtnis und Erinnerung immer medial vermittelt ist. Es wird einerseits mit Klischees umgangen, die den Geist des Aufbrechens bestehender politischer und gesellschaftlicher Konventionen widerspiegeln und gleichzeitig eine Hoffnungsperspektive in sich tragen. Ambivalent ist darin, dass diese Hoffnung auf ein besseres und freieres Leben mit den Konsummöglichkeiten des Westens assoziiert wurde, was ein kritisches Bild auf die nachfolgende Generation auch im Westen wirft: Es stellt sich die Frage, wie Vergangenheit verhandelt wird und welche Möglichkeiten der Reflexion der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Osteuropas auch für die heutigen, systemimmanenten Krisen bietet. Wie steht es also mit den sogenannten “westlichen” Werten, die ebenso einen Anspruch auf paradiesische Zustände auf der Welt in absoluter Konsumerfüllung predigen?
Unter der Wahrnehmung der Wende als bürgerliche Revolution, wie sie die heutige Geschichtsschreibung ausdrückt und die Bewegung auch kennzeichnete, steckt eine weitere Komponente, die im Konzept der europäischen Integration ihren Ausdruck findet: Die Deutung der Ereignisse von 1989 unter den moralischen Prämissen des liberalen Geistes Europas. Dabei handelt es sich bei diesem “Geiste Europas” um ein Konstrukt, um welches seit Bestehen der Gemeinschaft europäischer Staaten in der Nachkriegszeit gestritten wird. Damit erhält die Auseinandersetzung und Deutung der Geschichte der Wende 1989 in den neuen und potenziell zukünftigen Mitgliedsstaaten der EU eine integrative Komponenten, insofern hier die Möglichkeit der Konstitution einer gemeinsamen Geschichte im Sinne des Siegeszuges bürgerlicher Bewegungen und damit des liberalen Geistes gefestigt werden soll.
Der Umgang mit der Vergangenheit zeigt, dass Geschichtsschreibung einen politischen Charakter hat, insofern hier Deutungshohenheit von den Akteur_innen auf unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen (individuell und/oder kollektiv) beansprucht werden. Letztlich begründet sich auf diesen Deutungsmustern Identität, aus welcher wiederum Ableitungen für zukünftiges Handeln entspringen.

am 7. Februar 2010 um 13:41 Uhr.
Die “Wende” begann nicht mit dem Fall der Mauer, sondern mit dem Sturz Honeckers am 18.10. Der Mauerfall war “nur” das logische Ergebnis der dadurch erreichten Meinungsfreiheit. Die Demo am 4.11. auf dem Alexanderplatz war Manifestation der errungenen Freiheiten.
am 7. Februar 2010 um 19:32 Uhr.
Mit Wende ist hier nicht nur allein der politische Wandlungsprozess in der DDR bis zu ihrem Zerfall gemeint - der hat meines Erachtens nach schon vor dem Sturz Honeckers begonnen. Schließlich war die Montagsdemonstration in Potsdam chronologisch gesehen vor dem Amtswechsel und bezeichnet bereits, die dem Staat entgleitende Macht, die sich gegen Ende des Regimes in verstärkter Form auf Repressionen stützte.
Wende bezeichnet ist hier in einem weiteren Sinne verstanden, der vor allem die Komponente des Erinnerns betont und damit den künstlerisch-individuellen Umgang mit einer in sich zusammenbrechenden und gleichzeitig neu entstehenden Welt. In dieser Welt entfaltet sich eine Erinnerungslandschaft, die - trotz Systemwechsels - nach wie vor ihre kulturellen Fixpunkte bzw. deren Überreste aufweist.
Der Umgang mit (u.a. Bild-)Elementen, die das alltägliche Leben in Osteuropa nicht nur in symbolischer Weise prägten, ist meiner Meinung nach der essentielle Kern des Verstehens von Geschichte, worin die Menschen Orientierung in der postsozialistischen bzw. postsowjetischen Welt suchen. Dies kann einerseits deren Verbannung aus dem öffentlichen und/oder privaten Umfeld sein. Andererseits werden diese Bilder und Gegenstände (Ikonen) mystifiziert und von nostaligischer Wehmut in den zeitgeschichtlichen Kontext eingebunden.