Wiedermal eine Vorlesung am Boden sitzend verfolgt. Nichts Neues am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Nur kämpften sich vergangenen Mittwoch mehrere Kamerateams durch die Beine, Taschen und Rucksäcke. Nicht aber um über die bekanntlich katastrophalen Studienbedingungen zu berichten. Alles drehte sich um die Dozentin. Im Standard fett angekündigt hatte die Theodor Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus selten soviel Publicity bekommen. Thema in diesem Jahr: die journalistische Form des Interviews. Deswegen waren aber wohl die wenigsten gekommen.
Unter dem Titel „Von der Volontärin zur Blattmacherin“ sprach Schwarzer in der ersten von drei Einheiten über eines ihrer Lieblingsthemen: über sich selbst. Wer die Biografie von Bascha Mika (Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie. Rowohlt, 1998) gelesen hat, weiß, wie das klingt, und hätte sich die ersten 1 ½ Stunden der Vorlesung sparen können. Völlig unkritisch sprach sie über die Möglichkeiten, die Volontariate bieten. Auf die Nachfrage, ob die Entwicklung hin zu dutzenden Gratispraktika für den Lebenslauf nicht problematisch sei, ging sie nicht weiter ein. Bei ihr hat’s funktioniert. Sie hat’s geschafft. Wie weit die Story „Von der Volontärin zur Blattmacherin“ heute von der Realität vieler junger JournalistInnen entfernt ist => unrelevant. Wie dem auch sei. Mehrmals klagte sie mit ihrem wachsenden Engagement in der Frauenbewegung nicht mehr als Journalistin wahrgenommen zu werden, sondern seit Anfang der 1970er Jahre den Berufstitel Feministin zu tragen. Aber zumindest in dieser ersten Einheit bot die Feministin Schwarzer mehr Inhalt als die Journalistin.
Die Verharmlosung von Prostitution bezeichnete sie als „Missverständnis des Jahrhunderts“. In Hinblick auf die rechtliche Gleichstellung sprach sie von „der dunklen Gegenströmung“, die Frauen wieder mehr Objekt werden lässt. Und leidenschaftlich nahm sie Bezug auf den Amoklauf in Winningen, bei dem die ErmittlerInnen ursprünglich nicht weiter auf eine grundlegende Tatsache eingehen wollten: 11 der 12 gezielt Hingerichteten waren Frauen. „Opfer“ einer „verunsicherten Männlichkeit“. Wirklich vertiefend konnte über all dies in der verbleibenden viertel Stunde aber kaum diskutiert werden. Wir sind also gespannt, was uns in der nächsten Einheit am 29. April (10-12 Uhr, HS 33, Hauptgebäude Uni Wien) erwartet.