Die Anschläge von Norwegen zeigen viele interessante Reaktionen. Neben den Rund-um-die-Uhr-Berichterstattungen verschwinden aber auch zunehmend die Grenzen zwischen seriöser Berichterstattung und Boulevard. Es ist nichts Neues, dass gerade im Fernsehen Menschen und ihre Gefühle ausgebeutet werden. Im Falle von Geschehnissen wie diesem ist dies besonders widerlich. So hat sich z.B. RTL erblödet, nicht nur das Gedenken mit Ministerpräsident Jens Stoltenberg am Tag nach den Anschläge in einer Kirche zu zeigen. (Was ja in Ordnung wäre) Nein, mit unerträglicher Betroffenheitsstimme wurden noch die völlig aufgelösten und schluchzenden Eltern eines Opfers anmoderiert und dann schön mit der Kamera draufgehalten.
In eine ähnliche Kerbe schlagen aber auch die öffentlichen oder vermeintlich seriösen Sender. So brachte der ORF am Montag einen Thema-Beitrag, der sich in Superzeitlupen, Nahaufnahmen von weinenden und offenbar unter Schock stehenden Menschen sowie Betroffenheitsliedern nur so suhlte. Das muss nicht sein. Diese Menschen können sich nicht wehren und ihr Leid ist kein Quotenfutter.
Neben dieser Berichterstattung gehen nämlich einige wesentliche Punkte unter:
1. Der Islam war’s!
Es ist bezeichnend, wie schnell sich die ganze Medienlandschaft einig war, dass es ganz sicher Islamisten waren. Auch nach dem Angriff auf Utøya. Auch nachdem Anders B. festgenommen wurde. Selbst nachdem er ein Geständnis abgeliefert hat. Als besondere Zündler_innen sind die US-amerikanischen Fernsehstationen, Zeitungen und Nachrichtenblogs zu nennen. Allen voran Fox News. In diesem Artikel ist das unerträgliche Verhalten dieses Senders gut dokumentiert: http://www.aftenposten.no/nyheter/iriks/article4183971.ece (Artikel Aftenposten – norwegisch). Darin wird gezeigt, wie Fox News ganz lange auf der Islamisten-These bestanden hat, wie sie Europa gerügt haben (besonders Skandinavien), viel zu liberal zu sein und sich nicht für den Kampf gegen den Terror zu begeistern, wie George W. Bush speziell Norwegen gewarnt hat (aber Stoltenberg einfach nicht hören wollte) usw. Das Schlimmste ist aber der bekannte evangelikale Hassprediger Glenn Beck. Er vergleicht die AUF mit der Hitlerjugend und legitimiert so quasi die Anschläge.
Der wunderbare Stephen Colbert nimmt in seinem “Colbert Report” die amerikanische Medienlandschaft in Bezug auf die Anschläge kräftig auseinander: Zu sehen in der Show von gestern, ab Minute 3.30: http://www.colbertnation.com/full-episodes/mon-july-25-2011-brian-cox
2. Der Attentäter hat eine politische Motivation und diese ist rechtsextrem und christlich
Die Medien tun gerne so, als wäre es ein unpolitischer Angriff eines “wahnsinnigen Monsters”, der “wahllos Jugendliche” niedergemetzelt hat.
Nein, das ist kein wahnsinniger Amokläufer. Er hat diese Tat lange geplant und er hat ideologische Triebkräfte. Einerseits christlichen Fundamentalismus, andererseits rechtsextremes Gedankengut.
In Norwegen gibt es viele evangelikale Gruppen. Norwegen ist in dieser Hinsicht wohl eines der führenden Länder in Europa. Evangelikaler Pietismus spielt(e) durchaus eine gewichtige Rolle im öffentlichen Leben Norwegens. So wurde “The Life of Brian” schlichtweg verboten, weil er religiöse Gefühle verletzte. (Daraufhin warben die Filmplakate in Schweden übrigens mit: So witzig, dass er in Norwegen verboten wurde) Die Staatskirche hat sich seitdem zumindest ein wenig gewandelt. Frauen dürfen genauso wie homosexuelle Männer Priester_innen werden.
Evangelikalen Gruppierungen, mit einer weit konservativen Auslegung von was-auch-immer, hat das aber nur weiter Auftrieb gegeben. Sie pflegen gute Kontakte zu den Superwahnsinnigen in den USA (z.B. Focus on the Family, the Fellowship etc. pp.) und wollen Europa missionieren. (Etwa die Jesus Freaks, die mit Hippie-Attitüde und Tanzchoreographien mit vorrangig Jugendlichen auf “Tour” gehen)
Was diese Gruppierungen wollen, erklärt sich fast von selbst: eine christliche Welt, moralisches Leben, Gottesfürchtigkeit, Krieg gegen wen-auch-immer, “Familie”.
Was sie nicht wollen, ist fast noch aufschlussreicher: Marxismus, Sozialismus, Islam, Zuwanderer_innen, Schwangerschaftsabbruch, Gleichstellung, Feminismus, “Islamisierung”, Offenheit, Demokratie, Toleranz, Egalität.
Der Attentäter hatte religiöse Hintergründe. Punktum. Er hat die Religion nicht “bloß missbraucht”. Das wäre naiv. Diese evangelikalen Gruppierungen sind so. (Auch die katholische Kirche und jede Religion kann sich wohl in fast allen Punkten anschließen) Wer unwillig ist, das einzusehen, soll bitte einmal kurz bei Fox News reinschauen, einmal auf eine Homepage einer dieser zahllosen Gruppen schauen oder sich die blogs durchlesen. (Oder auch nur Sarah Palin und der Tea Party zuhören) Sie sind so.
Hier zeigt sich auch, wie wenige Berührungsängste es zwischen der Neuen und der religiösen Rechten gibt. In den USA sind die Begriffe synonym, in Europa wird (unberechtigterweise) scharf getrennt. Der Nationalsozialismus war ja nie eine atheistische Bewegung. Im Gegenteil, jegliche Intellektualität oder fundierte Wissenschaftlichkeit wurde als marxistisch abgelehnt. Das “Gefühl” und die Verbundenheit mit der Natur und dem Volk waren wichtiger. (Siehe dazu LTI – Notizbuch eines Philologen von Victor Klemperer, der die Sprache und die dahinterstehende Ideolgie noch während der Zeit des historischen Nationalsozialismus untersucht hat) Daraus entsponnen sich mehrere religiöse Zugänge. Zum einen ein esoterischer, der in pseudoheidnischen Praktiken und Vorstellungen gipfelte. Daneben aber auch immer ein christlich-abendländischer. Hitler hat in seinen (von Goebbels geschriebenen) Reden viele religiöse Vorstellungen bemüht und sich auch immer wieder auf Gott berufen. Sich selbst sah er als von der Vorsehung auserkoren, Deutschland und das “Abendland“ zu retten. Dazu passt auch, dass auf den Gürtelschnallen der Wehrmacht “Gott mit uns” stand. Dass hier der christliche Gott gemeint ist, zeigt die lange Tradition dieses Wahlspruchs während der preußischen Monarchie.
Ergo: Christentum und Nationalsozialismus schließen einander bei weitem nicht aus. In den Vorstellungen der Neuen Rechten schon gar nicht. Es gibt zahllose Belege, wie auch rechtspopulistische Parteien glauben, das “Abendland” verteidigen zu müssen. (Nicht zu letzt die FPÖ) Ein wichtiger Bezugspunkt sind die Türkenbelagerungen von Wien, auf die sich auch Anders B. in seinem aufschlussreichen Manifest beruft.
Religiöser Eifer und rechtsextreme und superkonservative Gesinnung sind die geistigen Väter dieser Anschläge. Das lässt sich nicht verschweigen.
3. Das war ein Anschlag auf die Sozialdemokratie
Die Opfer auf Utøya waren nicht zufällig gewählt. Es war ein direkter Angriff auf die sozialdemokratische Partei Norwegens und ihre Jugendorganisation. Die Jugendlichen wurden also aufgrund ihrer progressiven, demokratischen und linken Gesinnung zu Opfern. Die Tat ist somit, wie schon erwähnt, klar ideologisch motiviert. Im Gegensatz zum Anschlag in Oslo etwa waren sie nicht “zufällig” zur falschen Zeit am falschen Ort, sondern wurden extra “ausgewählt”.
Es zeigt sich, dass sozialistische, kommunistische, sozialdemokratische und marxistische Parteien, Gruppierungen und Personen nach wie vor der_die politischen Hauptgegner_innen von rechtsextremer und religiöser Ideologie sind.
4. “Extrem”
Rechtsextrem ist eigentlich die falsche Bezeichnung. Im Manifest von Anders B. steht nämlich nicht soviel anderes, als das, was wir jeden Tag zu hören bekommen. Sei es von der FPÖ oder der ÖVP, sei es von der Presse und noch viel unverhohlener in zahlreichen Kommentaren auf standard.at. Sei es von Krone, heute und Österreich. Sie schüren Xenophobie, Antiegalität und hysterische Sicherheitsdiskurse. Sie knüpfen sprachlich mit ihrem marktschreierischen Gehabe an, wo andere vor Jahrzehnten aufgehört haben. Genau dieses gesellschaftliche Klima ist es, das solchem Gedankengut Vorschub leistet. Es ist sehr bedauerlich, dass sich auch Teile der SPÖ an diesem Gekreische beteiligen.
Der “Rechtsextremismus” ist kein “extremes” Phänomen. Er war schon immer in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen.













was mich an der ganzen Sache besonders stört: Um politische Analysen zu verhindern, wird dann behauptet, solche wären “Missbrauch” (Strache: http://is.gd/ZESjnU ) oder gar eine “Ausbeutung” (Fleischhacker: http://is.gd/6BdAhy ) der Opfer. Dabei ist der Großteil der Opfer deshalb ermordet worden, weil sie sich politisch für eine gerechte und solidarische Welt engagiert haben. Und jetzt will ein Strache aus “Respekt” vor den Opfern verbieten darauf hinzuweisen, dass die FPÖ gleichen Scheiß wie der Attentäter verbreitet, aber zu diesem Zweck Plakate druckt und nicht Menschen umbringt. Das ist der eigentliche Missbrauch der Tode der jungen Sozialist*innen und Sozialdemokrat*innen.