Einer Ankündigung auf maedchenmannschaft.net folgend, hab ich mir den gestrigen Abend freigehalten, um mir auf Spiegel-TV „Lippenbekenntnisse. Frauen reden über Sex“ anzusehen.
Das Intro klang vielversprechend – unter den 25 beteiligten Frauen waren Sexualwissenschafterinnen, Kolumnistinnen, Autorinnen und Kabarettistinnen, die – unabhängig voneinander befragt – Rede und Antwort zu ihren persönlichen Erfahrungen mit Unterwäsche, Humor im Bett, dirty talk oder One Night Stands.
Ich kann nicht behaupten, dass ich die Sendung nicht genossen hätte – es war durchaus unterhaltsam und ich habe schlagfertige, selbstbewusste, eloquente und selbstreflexive Persönlichkeiten kennen gelernt (darunter bspw. Paula Lambert (Autorin), Petra Joy oder Ulrike Schreiber). Aber im Nachhinein betrachtet weiß ich nicht, welchen Zweck diese Sendung verfolgt und an welches Zielpublikum sie sich gerichtet hat.
Vermutlich hatte sie in erster Linie Unterhaltungscharakter. Die zweite Intention dürfte allerdings dann doch gewesen sein, Zuseherinnen im Alter zwischen 15 und 40 neu über ihre Sexualität aufzuklären – und das Ganze anhand der Vorbildwirkung der Befragten. Darauf ließen vor allem die Sequenzen zwischendurch schließen, in denen die Frauen gefragt worden dürften (die Fragen selbst waren nie zu lesen oder zu hören), was sie denn anderen Mädchen und Frauen raten würden (z.B. in der heiklen Frage „Darf er Unterwäsche mit Comic-Muster tragen?“…). Und gerade für diesen Zweck der Sendung war die Aufbereitung und das Setting doch ungeeignet:
Haben Männer in Sendungen wie diesen (wenn sie ähnliche Berufe ausüben und daher meinungsbildend auftreten) Expertencharakter – und zwar aufgrund ihres (so dargestellt) erarbeiteten Wissens – zugesprochen, so wurden die 25 Frauen hier als emotionale und fast ausschließlich aus persönlichen Erfahrungen berichtende Individuen dargestellt. (Mich würde eine Sendung, in der Männer so offen reden – und sich vor Publikum damit verletzlich und nahbar machen – auch mal interessieren…)
Im Hintergrund waren auch nicht Bücherregale oder ähnliche Requisiten abgebildet, die die durchaus klugen Gedanken der befragten Frauen unterstrichen hätten, sondern pinke und lila Luftballons, die aneinander vorbei kugelten und die auf mich dann doch verstörend wirkten.
Auch zu kritisieren ist die ausschließliche Beschäftigung mit Heterosexualität. Aber zumindest war die Sendung da konsequent und hat nicht peinlich versucht, sexuelle Erfahrungen zwischen Mädchen bzw. Frauen irgendwie reinzubringen, nur um sie dann als nicht ernst zu nehmende, spielerische und verzeibare Erlebnisse abzutun, die abseits der sonstigen „normalen“ hetero-Beziehung stattfinden.
Die beiden Highlights meinerseits waren zum einen die schlüssigen Argumentationen zum Thema „domestizierte Sexualität“ von Frauen. Hier hat v.a. Petra Joy sehr gut dargelegt, weshalb es für Frauen nicht selbstverständlich ist, über Masturbation, Vorlieben und sexuelle Wünsche zu reden – auch nicht mit ihren Partner_innen. Die konsequent jahrhundertelange Vorstellung und Verbreitung der Idee vom weiblichen Körper als schmutzigem Objekt (meist wurde und wird hierfür die Menstruation als Begründung herangezogen) und die permanente Beschallung mit normierten Körpern machen es auch schwer, sexuelles Selbstbewusstsein zu entwickeln und zu erkennen, dass das Recht auf gute und befriedigende Sexualiltät selbstverständlich sein sollten.
Zum anderen war die Forderung von Paula Lambert, sich auch mal bei den Lebensabschnittspartner_innen unbeliebt zu machen und einfach sich selbst und dem_der Partner_in klar zu machen, dass das Sexleben und/oder die Bezieung grad keinen Sinn macht, durchaus inspirierend. Denn wie viele Beziehungen werden zwanghaft aufrecht erhalten, obwohl das – unangezweifelt angenommene – Konzept von Ehe und Monogamie offensichtlich nicht taugt, nur um die Illusion aufrecht zu erhalten, den geforderten Normen von Zweisamkeit zu genügen und gemeinsamen Kindern – wenn auch unglücklich – ein 0815-Elternpaar zu sein.
Lamberts Conclusio: „Menschen sind zu feige, gehasst zu werden. Darin liegt das Problem.“
Im Großen und Ganzen war die Sendung ein definitiv besseres Fernseherlebnis als das sozialvoyeurische Abendprogramm und die Kritiken richten sich auch kaum gegen die Befragten, sondenr gegen die Prozudent_innen, die für das irritierende Setting verantwortlich sind.
Wären die Frauen auch noch stärker auf die angeschnittenen Themen Objektivierung, Konsum, Pornografie und Sexualität und Macht eingegangen, hätten sie die Luftballons auch wirklich wett gemacht.












