Vor kurzem bin ich über eine homepage auf den sogenannten „Integrationscomic“ des Österreichischen Integrationsfonds aufmerksam geworden. Es handelt sich um eine 25-seitige Broschüre, die vor allem an Kinder im schulpflichtigen Alter gerichtet ist und mit wenigen Bildern erklären soll, was „Integration“ eigentlich bedeutet und welche Handlungsanweisungen sich daraus ziehen lassen.
Das wollte ich mir genauer ansehen und hab ihn mir ausgedruckt (wenn sonst noch wer dieses Papier lesen möchte, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen: hier sind Ausschnitte und der gesamte Comic zum Herunterladen)
Ich halte diesen Versuch einer Vorhaltung, wie sich Kinder mit Migrationshintergrund anzupassen hätten, für einen absoluten Fehlgriff mit kulturrassistischen und sexistischen Elementen, das eher vorzeigt, dass das hierzulande vorHERRschende Denken über Ethnien und Geschlechter keines ist, das auch nur annähernd nachahmenswert ist.
Inhalt
In neun Kurzgeschichten (bzw. sind es eher Situationen, die in wenigen Bildern auf einer Seite geschildert werden) werden die 4 Jugendlichen Drago, Hülya, Andi und Ivana von „Integratia“ (der … Heldin des Comic) in ihrem Schul- und Freizeitalltag begleitet. Diese Personen sollen nun als Identifikationsfiguren für Leser_innen – Kinder – herhalten, die vorleben, was bedeutet „gut integriert“ zu sein. Nun gleich die erste Schlussfolgerung: jene Kinder, die scheinbar so „problematisch“/“schwierig“ sind, dass sie anhand eines Comic belehrt werden sollen, kommen also kategorisch aus der Türkei oder dem südosteuropäischen Raum. Interessant.
Im Grunde wiederholt sich ein und diesselbe Situation der Jugendlichem immer wieder – sie sind mit migrant_innenfeindlichen Personen konfrontiert und müssen selbst – das ist das Hauptmerkmal – mit der Sache klar kommen. Der Tenor: du musst etwas an dir ändern, dann passiert dir das in Zukunft nicht (freilich kommen die nörgelnden Männer im Comic nicht gut weg, aber von Parteiergreifung anderer Personen ist nichts zu sehen und zu lesen). Primär ist dabei die Forderung: “Tja, wenn du Deutsch könntest, dann würden dich Menschen besser behandelt” oder auch redundant “Naja… wenn du lernst, bekommst du halt auch einen guten Job”. Von strukturell verankertem Rassismus, der sich auch im Bildungssystem widerspiegelt keine Spur.
Ein Highligt sind auch die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen, die dem_der Leser_in ein Bild davon zeichnen, für wen welche Berufe geschaffen sind: wohingegen die Burschen Berufe wie Polizist, Bauarbeiter, Arzt o.Ä. ausüben und so als Vorbilder agieren, sind die Mädchen Krankenschwestern, Praktikantin im Altersheim oder Verkäuferin… Auch an diese Muster sollen sich die lesenden Jugendlichen wohl anpassen – mach nach, was die Gesellschaft um dich herum vorlebt!
Leitfigur
Integratia selbst, die vor jeder Kurzgeschichte ioptimistisch anmutende Kausalzusammenhänge erläutert, ist der Inbegriff einer altruistischen, harmlosen – aber germanisch-nationalistischen Frau. Eine verfehlte Sailor Moon-Kopie, in keinster Weise verteidigend (geschweige denn angrifig), sondern fordernd. Eigentlich keine Heldin, sondern schmuckes Beiwerk. Vermutlich sollte es sich um eine Wunsch-Maria-Fekter handeln, die aber nicht weniger eine individualistische, Rassismus leugnende und Anpassungslinien vorgebende Politik vertritt.
mein Resümee
Die einzige Botschaft, die hängen bleibt: Sprich Deutsch und mach eine Ausbildung, damit du für den Arbeitsmarkt auch verfügbar bist und es für alle um dich herum bequemer ist, mit dir umzugehen, damit niemand nachfragen muss und sich länger als nötig mit dir beschäftigen muss. Und: wenn Menschen Witze über dich machen, dich beleidigen, dir mit Gewalt droht.. tja, dann ist es vermutlich deine Schuld, dann bist du nicht angepasst genug und da musst du selbst raus.
Es dürfte für junge Leser_innen, egal ob mit oder ohne Migrationsgeschichte – eine ernüchternde Erkenntnis sein, dass individuelle Anstrengung nicht unbedingt ausreicht, um gesetzte Ziele zu erreichen, sondern dass vielmehr Vorstellungen davon, wer es wert ist, akzeptiert zu werden – in ihren_seinen Aussehensmerkmalen, Sprachkenntnissen, Bildungsgrad, Geschlecht, Alter und Gesundheitszustand – bestimmen, wie ein Leben gestaltet werden kann.
Auf der ersten Seite meint “Integratia”: “Weißt Du, was “Integration” ist? Viele Leute reden davon, aber die meisten wissen nicht, worum es dabei genau geht”
…
Ich schätze, der Österreichische Integratiosnfonds weiß es auch nicht.












