Narrentu(r)m

Abstract
Der Artikel versucht eine neue Perspektive auf den Narrenturm, das Gebäude am Campus der Universität Wien, zu geben. Im Zentrum der Betrachtung stehen dabei die Verbindung historischer und politischer Elemente, die eine Vorahnung auf die Funktionsweise der heutigen Selbstdisziplinierung im Bezug auf den eigenen Körper und dessen Erscheinungsbild geben. Der Narrenturm tritt als Synonym für die Frage von gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen in den Vordergrund.

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Der Narrenturm (im Volksmund auch “Gugelhupf” genannt) am nördlichen Ende des Campus der Universität Wien (Altes AKH) ist ein (inoffizielles) Wahrzeichen der Stadt und auf seine Weise einzigartig. Das betrifft nicht nur seine Archtiktur und Geschichte, um die sich Mythen, Verschwörungstheorien und Gruselgeschichten ranken, sondern auch die Art und Weise, wie hier die Besucher_innen vor den Kopf gestoßen werden.

1. Geschichtlicher Abriss
Der Narrenturm am nördlichen Ende des Alten AKHs wurde 1784 unter Kaiser Josef II. errichtet und war – wie der Name schon verrät – eine Anstalt für geistig abnorme Menschen. 1866 wurde er in ein Schwesternwohnheim umgewandelt, wobei auch Dienstwohnungen von Ärzt_innen und das Lager der Universitätsklinik untergebracht wurden. 1971 übersiedelte das Anatomisch-pathologische Bundesmuseum in den Narrenturm, der seit 1993 auch als Museum zu besuchen ist. Die Ausstellung bietet einen Einblick in die Geschichte der Medizin, eine einzigartige Sammlung an Feuchtpräparaten und Wachsmoulagen von diversen Krankheitsbildern. Im Ergeschoss finden sich beispielsweise die Rekonstruktion einer vorgeschichtlichen Zahnärzt_innenpraxis, sowie ein Alchimist_innenkabinett. Von Zeit zu Zeit finden hier auch Veranstaltungen und Sonderausstellungen statt.

Um den Narrenturm ranken sich einige Mythen: Eine handelt etwa vom sogenannten Oktogon – einem Aufbau auf dem Dach des Narrenturm, der noch auf alten Stichen zu erkennen ist aber offensichtlich im Zuge von Renovierungen und Umbauarbeiten im Laufe der Zeit abgerissen wurde. Hier soll sich Josef II. mit Freimaurern (sic!) getroffen haben, wobei auch gemunkelt wird, dass das Oktogon als astronomisches Observatorium gedient haben könnte. Also eine der Wahrheiten die irgendwo das draußen liegt!

Fakt ist, dass der Narrenturm die weltweit erste psychiatrische Klinik war. Aufgebaut nach zahlenmystischen Erkenntnissen war der Narrenturm unter dem aufgeklärten Absolutismus  als eine Form von “Transmutationsmaschine” konzipiert. Soll heißen, dass hier Menschen von ihren Leiden genesen und (soweit die Vorstellungen von Josef II.) in höhere Wesen verwandelt werden sollten. In den unteren Stockwerken waren “leichtere” psychiatrische Patient_innen untergebracht (die sich tagsüber im Gebäude frei bewegen konnten), während in den höheren Etagen (insgesamt fünf) die Insass_innen angekettet wurden. Die Zellentrakte sind kreisförmig um das von Norden nach Süden verlaufende Mittelhaus angeordnet. Architekonisch der Idee des Panopicums folgend, waren hier die Wärter_innen und das Pflegepersonal untergebracht.

2. Biopolitik: Was ist “normal”?
Das Aufkommen von psychiatrischen Kliniken führt Michel Foucault auf die Aufklärung zurück. Hier wurden erstmals entgegen Mystizismus und Religiosität Krankheiten und Störungen beim Menschen dokumentiert und klassifiziert, was zur Ausdifferenzierung eines Verständnisses von “Norm” und “Abnorm” führte. Diese Konzeption hatte weitreichende Folgen, wo nun die Politik ins Spiel kommt. Es stellt sich die Frage, was der politische Hintergrund der Errichtung von Spitälern und Kliniken (v.a. unter dem aufgeklärten Absolutismus) war, wobei Foucault hier den Begriff der Biopolitik vorbringt. Dabei handelt es sich um eine Form von Politik, die auf die unmittelbaren Lebensumstände und Rahmenbedingungen der Individuen einer Gesellschaft zielt. Im Gegensatz zu alten Herrschaftsformen die sich in der Praxis der Regierens auf die Drohung der Gewaltanwendung mittels Institutionen wie Polizei, Armee und in Schulen (d.h. Disziplinarmacht) beschränkten, zielen jene Regierungsmethoden, wie sie im 18. Jahrhundert entwickelt wurden, auf die Normierung der Gesellschaft. Bei der Dokumentation von Krankheitsbildern geht es um die Produktion von Wissen, welches für die Machtkapazität eines Staates wesentlich ist. Beispielsweise im Falle des Interesses eines kriegsführenden Staates wird dies mit der Frage, wie viel wehrfähige Männer vorhanden sind, assoziiert. Es bildeten sich auch Vorstellungen von “Gefahren” und “Bedrohungen”, die etwa in Epidemien und psychisch abnormen Verhalten ausgemacht wurden. Um diese Trennung von “Norm” und “Abnorm”, “Gesundheit” und “Krankheit” vornehmen zu können und damit kontrollierbar zu machen, war eine Institutionalisierung in Form der modernen Medizin, Kranken- und Heilanstalten nötig.

Der Narrenturm bildet in diesem Zusammenhang ein Relikt der Aufklärung, dass in seiner politischen Konzeption der Wissensproduktion als Grundlage für Politikgestaltung bis heute nichts an Relevanz eingebüßt hat.

3. Und was ist “schön”?
Mit der Unterbringung des Anatomisch-pathologischen Bundesmuseums unter der Leitung von Dr.in Beatrix Patzak erhielt der Narrenturm, als architektonisches Instrumentarium (um den Zeitgeist fortzuführen) eine erweitere Bedeutung. Nach wie vor um die Frage kreisend, was ist “normal” und gilt im Rahmen der Gesellschaft als “krankhaft” bzw. pathologisch, eröffnet die Ausstellung neben dem medizinischen Aspekt auch einen Blick auf unsere eigenen Vorstellungen von “Norm”. Vielen unbedarften Besucher_innen wird zeitweise beim Anblick der  Präperate übel. Aber was macht die Begeisterung am abscheulich, unheimlich Wirkenden aus? Diese Begeisterung ist kein neues Phänomen, schon gar nicht im Narrenturm. Bereits früher kamen die Leute am Wochenende zum “Narrenschauen” aufs Gelände des AKH und kletterten teilweise an der Fassade hoch, um durch die Fenster einen Blick auf die “geistig Abnormen” werfen zu können.

Im Narrenturm wurden und werden Besucher_innen mit dem Abnormalen, dem Grässlichen, dem Abscheulichen und dem Wahnsinn konfroniert – fragt sich nur welcher Wahnsinn. Ich bin der Überzeugung, dass die Vorstellungen von Schönheit und Ästethik, wie sie im öffentlichen Raum durch die Medien und unser Verhalten reproduziert werden, einfach nur eine andere Form des Wahnsinns sind, dem mensch sich unterwerfen muss um als gesellschaftsfähig akzeptiert zu werden. Dabei geht es weniger darum das Verhalten durch eine staatliche Instanz zu kontrollieren und zu ahnden, wie dies etwa Aufgabe der Polizei ist. Vielmehr haben die einzelnen Individuen auf sich und einander einen Blick, der eine gewisse Ordnung bei einer_einem selbst evoziert und gleichzeitig die Menschen in der Umgebung an den geltenden Normen misst.

Der Narrenturm als Prototyp für die heutige Gesellschaft wirft ein kritisches Licht auf unser eigenes Sehen und Bewertungsschema. Hier werden die Besucher_innen weniger mit Präperaten konfrontiert, die Unwohlsein hervorrufen, sondern vielmehr mit ihren eigenen Reaktionen auf die Begnung mit dem “Unheimlichen”. Jeder_Jedem sei empfohlen diese eigenen Ideale von Schönheit, sowie die Toleranzfähgikeit der Normvorstellugen im Narrenturm auszuloten.

4. Literatur
- Bouchal, Robert/Lukacs, Gabriele (2010): Unheimliches Wien. Gruselige Orte. Schaurige Gestalten. Okkulte Experimente. Wien/Graz/Klagenfurt, S. 192-196
- Foucault, Michel (1993): Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt am Main

5. Links
www.narrenturm.at
http://deu.archinform.net/projekte/13640.htm
http://blog.heilberufe-online.de/2008/01/24/der-narrenturm/

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