Über Jakob

Wer von euch?

Jakob am 7. März 2008 um 23:21

Freitag Nachmittag, Dramaturgie. Eine LV, die der Altehrwürdigkeit des Thewi-Instituts (in der Hofburg) entspricht: Der Dozent hält sie schon seit über 20 Jahren. Daher lässt er sich von der momentanen Unisituation (Platzmangel, Multiple-Choice-Prüfungen, ehschowissen) nicht beeindrucken und trägt so vor, wie er das vermutlich schon seit 20 Jahren macht. Immer wieder Zwischenfragen: Wer von euch hat diese Inszenierung gesehen? Wer von euch hat jenes Stück gelesen?

Schweigen. Jedes Mal. “Schrecklich”, sagt der Prof.

Zwei Realitäten treffen aufeinander: Studis, die meistens weder die Zeit noch das Geld haben, ins Theater zu gehen oder Stücke zu lesen, die nicht für die Uni verlangt werden, auf der einen Seite. Auf der anderen der humanistisch geprägte Prof, der an die drei Aufführungen pro Woche sieht und für den ein Leben ohne Latein, Griechisch und klassische Literatur undenkbar ist.

Manchmal macht mich die Uni ein bisschen traurig - weil sie einem bzw. einer im jetzigen Zustand abgewöhnt, Sachen nur aus Spaß oder Begeisterung zu tun. Und es würde mich wundern, wenn das ein Thewi-spezifisches Phänomen ist.

Wer von euch?

2 Kommentare zu “Wer von euch?”

  1. Gabi

    die märchenbuchpublizistikstudentin - sie muss natürlich nicht arbeiten während des studiums - steht morgens auf und liest erstmal standard, presse und die süddeutsche. danach geht sie über zur fachliteratur und schmökert mal wieder in marshall mcluhans “the gutenberg galaxy” (natürlich im englischen original). liest sich dann durch einen von hunderten texten, die für gewöhnlich die literaturlisten zu den verschiedensten vorlesungen füllen. legt am nachmittag eine kaffeepause mit der le monde diplomatique ein (die märchenpublizistikstudentin füllt ihren wahlfachkorb aus politikwissenschaft) um beteiligt sich zwischen den lehrveranstaltungen natürlich auch noch an verschiedenen befragungen und wissenschaftlichen experimenten. abgesehen davon, dass wir jetzt noch nicht eingerechnet haben, wieviel zeit sie mit radio und fernsehen verbringt (schließlich muss auch das gesamte orf-programm ständig aufs neue analysiert werden), frag ich mich, wann sie isst, schläft oder soziale kontakte pflegt.

  2. Eva

    die märchenkunstgeschichtestudentin: groß, schlank, eigenartige (hippe) kopfbedeckung, hipper mantel (second hand) und unglaublich hippe tasche.
    in der ubahn liest sie lyotard und derrida, benjamin und belting. sie verbringt ihre freizeit in den diversen großen und kleinen museen moderner kunst (natürlich die pseudo kulturbewanderte bobo szene kritisch hinterfragend und vor allem diese massenausstellungen mit plumpen titeln, die nur dazu da sind um die besucherInnenquoten zu steigen aufs schärfste verurteilend). und manchmal, da überkommt sie die tiefe sehnsucht nach der wahren schönheit, sie geht ins khm und verweilt eine zeit vor ihrem lieblings-vermeer. später dann wieder: cézanne? ja, das war ein schrecklicher künstler der bourgeoisie, so reaktionär und konservativ…

    verdammt. ich hab die fachzeitschriften vergessen.

  3. desire

    naja…nur mal nicht versuchen die “ach so furchtbaren studienbedingungen” vor eigene unwissenheit und desinteressiertheit zu schieben, herr scholz. theater in wien kann sich mit karten ab 1.5 nun wirklich jeder leisten und in die bibliothek gehen erst recht. und zeit nimmt man sich für dinge die einem wichtig sind. wenn es einem das nicht ist, sollte man vielleicht auch einfach nicht studieren.

  4. Jakob

    EIne gute Lösung: Wenn irgendjemand etwas nicht schafft, dann war es ihr bzw. ihm einfach nicht wichtig genug. Erklärt die Arbeitslosigkeit, schlechte Wirtschaftslage und Durchfallen bei Prüfungen. Und gibt mehr Zeit - anstatt über die Misserfolge anderer Leute (und die Gründe dafür) nachzudenken, kannst du ins Theater gehen oder in die Bibliothek.

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